Pseudoreligiös: Auf Social Media halal im Real Life haram

Ich möchte diesen Blog mit einer prägenden Erfahrung aus meiner Schulzeit einleiten: Als ich in der ersten Handelsakademie war, hatte ich mich dazu entschlossen den islamischen Religionsunterricht zu besuchen. Anfangs total aufgeregt und neugierig, war mir schon nach der ersten Einheit klar, dass ich dort nicht mehr hingehen will. Abgesehen davon, dass jede Unterrichtsstunde ein und dasselbe behandelt wurde: Gott ist toll und nur, wenn du betest. kommst du in den Himmel. Homosexuell wird man nur, wenn man eine schreckliche Kindheit hatte und es gehört sich nicht die Dinge zu viel zu hinterfragen etc. Hatte ich mich aber oft mit der Frage beschäftigt wie man ein guter Mensch sein kann und, ob ich denn wirklich nur durch beten oder fasten „gut“ werde.

Ich kann mich erinnern, dass am Ende des Semesters die Frage gestellt wurde wer von uns Schülern im Ramadan fastet. Alle Schüler zeigten auf – alle bis auf mich. Danach begann ein regelrechtest „Fastenshaming“.

„Wieso fastest du nicht?“ – „Weil bei mir niemand in der Familie fastet und ich Kreislaufprobleme habe.“ – „Ahja, aber, wenn du anfängst, dann wird es dir deine Familie gleichtun!“ – Stille meinerseits.

Abgesehen davon, dass man aus gesundheitlichen Gründen auf das Fasten verzichten darf, wurde ich von den anderen Mitschülern wie ein Alien angestarrt. Doch das war noch lange nicht das Schlimmste an dieser einen Unterrichtsstunde.

Es war, als alle Schüler die Klasse verlassen durften, alle außer ich. Mir hatte mein damaliger Lehrer nach Unterrichtsschluss noch einreden wollen, dass ich so schnell wie möglich anfangen soll zu fasten, um ein guter Mensch zu werden und damit meine Eltern ENDLICH einmal in ihrem Leben richtig stolz auf mich sein können. Ich glaube genau in diesem Augenblick hatte ich den Glauben an Religion und Gebeten endgültig verloren. Ich weiß noch, dass ich total verheult zu meinem Spind gelaufen bin, da ich mir sicher war, dass ich ein schlechter Mensch bin. Heute weiß ich, dass das nicht ganz richtig ist.

Denn es gibt wesentlich schlimmere Personen als mich und genau hier beginnt mein Grant: Mein Grant gegen all‘ diese selbsterkorenen „Supergläubigen“, die denken, dass sie durch ihren Verzicht auf Essen und Trinken im Fastenmonat automatisch ins Paradies kommen. Die denken, dass der in arabisch verfasste Satz „Gott ist groß“ in ihrer Instabio jeden vergessen lässt, dass sie zwei Wochen davor in ’nem Club auf die Tanzfläche gekotzt hatten. Sie kein Schweinefleisch essen, weil „Bruder, ich bin Moslem“, aber jede zweite „Ungläubige“ auf ihrer Autorückbank weghauen.

„Gute Leute“, die alles mit „mashallah“ und „inshallah“ kommentieren, aber in der Arbeit mal 50 Euro aus der Kasse klauen. Personen, die mir weismachen wollen, dass ich kein guter Mensch bin, weil ich nicht faste, Alkohol trinke oder nicht bete, aber über jeden urteilen und hinterrücks reden, sobald sich ein „Freund“ auch nur zwei Meter entfernt hat. Ganz genau solche Experten sind für mich die größten Sünder überhaupt. Ja, ich bin ebenfalls absolut nicht in der Position über andere urteilen zu dürfen, aber warum dürfen dann solche Menschen über mich urteilen? Dieses ewige Religionsgequatsche in den letzten Jahren – egal, ob es sich auf den Islam bezieht oder nicht – ist einfach nur mehr lächerlich.

Ganz ehrlich: Ein religiöses Tattoo, einmal fasten im Jahr oder der Besuch des Gebetshauses macht es nicht besser, dass du den Rest der 365 Tage ein heuchlerisches Arschloch bist.

 

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4 Kommentare zu „Pseudoreligiös: Auf Social Media halal im Real Life haram

  1. Haha. Danke!
    Ich kann diese Doppelmoral nicht ausstehen und hatte schon in meiner Jugend kaum Anschluss, wegen der von dir bereits dargelegten Gründe. Einen Österreicher heiraten, Bildung und nicht das Gefallen der Community an erster Stelle zu setzen, haben mich heute finanziell unabhängig gemacht und mir zumindest von dem wenigen und sakulären, gebildeten Teil unseres Volkes etwas Respekt und Freundschaften beschert. Dass mein österreichischer Mann mehr an einen guten Menschen und Muslim erinnert, ist natürlich nur das Tüpfelchen auf dem I. Es könnte aber auch daran liegen, dass mir der Haushalt und das Angeben mit irgendwelchen Putzmitteln, um der Schwiegermutter zu gefallen, einfach zu absurd erschienen ist und einfach zu wenig, um ein ganzes Leben damit zu füllen.
    Gruß aus Hietzing.

    Gefällt 1 Person

    1. Hallo Oachkatzlschwoaf (cooler Nick btw.) vielen Dank für deinen Kommentar! Du hast natürlich absolut recht und ich finde es großartig, dass du deinen Weg gegangen bist – auch gegen den Willen der „Community“. Finde es immer wieder schön, dass ich mit meinen Gedanken nicht alleine bin 🙂 Liebe Grüße, S.

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