ShortStory: Bahnsteig 2

Sie ging die Treppen des Bahnsteigs hinauf und spürte wie die kalte Luft ihre Wangen rot verfärbte. Ihre viel zu hohen Stiefel klapperten unter jedem Schritt, den sie setzte. In ihrem Kopf entstand eine Melodie dazu und so konzentrierte sie sich darauf um nicht über ihre eigenen Füße zu stolpern: „klick, klack, klick, klack!“ Innerlich verfluchte sie sich selbst, da ihre Füße schmerzten und es nicht lange dauern würde bis ihr Gesicht den Boden küsste – aber hey, sie sah zumindest gut aus. Es ertönten die Lautsprecher und eine Durchsage wurde gemacht „Railjet 7638 zehn Minuten verspätet! Wir bitten um Verständnis.“
Verständnis? Sie musste kurz schnaufen als sie dieses lächerliche Wort hörte. Wer zur Hölle hat heutzutage noch Verständnis? Ihre Augen füllten sich erneut mit Tränen und sie blinzelte sie schnell weg. Sie setzte sich auf die freie Bank und schlug ihre Beine übereinander. Ihre Füße schmerzten immer noch, aber zumindest lenkte es sie vom Schmerz in ihrer Brust ab. Zwei Wochen sind mittlerweile vergangen seitdem Funkstille zwischen ihr und ihm herrschte. Es ist generell zwischen ihnen abgekühlt. Keine Liebesschwüre mehr, keine Fb-Posts, keine verschlafenen Guten-Morgen-Anrufe. Eigentlich hätte sie ihn ja schon längst stehen lassen sollen, doch wie lässt man das wertvollste Geschenk einfach so stehen? Ihr wurde schlecht als sie daran dachte, dass er ihr jeden Moment über den Weg laufen könnte. In dieser gottverdammten Stadt war es auch nicht besonders schwierig jemandem zu treffen, den man absolut nicht sehen will.

Doch sie und ihr kaputtes Herz wussten beide, dass sie ihn sehen wollten. Mit seinen zersausten Haaren und Schlafzimmerblick, der sie jedes einzelne Mal in Verlegenheit brachte.“Fuck“, dachte sie sich, während sie nach ihrem Feuerzeug kramte. Sie hatte es mal wieder Zuhause vergessen. Die einzige Droge, die ihr nach ihm noch blieb war Nikotin und nicht einmal die konnte sie genießen. „Du musst mich echt hassen“, sagte sie zu sich selbst und schaute nach oben in den bewölkten Himmel. Falls es einen Gott gab, dann war er wohl auch ziemlich angepisst. Kein Wunder, denn wer ist so dämlich und läuft seinem Unglück dreimal in die Arme. Nein, sie war eigentlich kein dummes Mädchen, doch sie genoss es ihre Fehler drei- bis fünfmal zu wiederholen. Nur um sicherzugehen, dass es wirklich ein Fehler war.

Genau dasselbe tat sie bei ihm und welch‘ Wunder, es hatte mal wieder nicht geklappt. „No shit, Sherlock“, flüsterte ihr Gewissen als sich ihre Augen wieder feucht wurden. „Hör‘ auf zu flennen, glaubst du ernsthaft er hat auch nur eine Träne wegen dir vergossen?“ Ihr abgefucktes Gewissen hatte recht. Kein Wunder, dass er sie nicht mehr wollte, da sie ja nicht mal sich selbst ausstehen konnte. Doch so mies war sie ja eigentlich nicht, denn für ihn hat sie verdammt viel getan. Zum Beispiel hatte sie diese viel zu hohen Stiefel gekauft um sich weiblicher zu fühlen. Sie war schon immer auf seinen Style neidisch und wollte sich nicht mehr wie ein pubertierender Junge mit Jeans und Shirts anziehen. Sie wollte ihn unbedingt beeindrucken.

Ein kalter Luftzug schreckte sie aus ihren Gedanken auf und sie sah ihren Zug in die Station einfahren. Sie stand auf und ging in ihren unbequemen Schuhen zum ersten Wagon. Ihr Körper trug sie zu einem Fensterplatz, während sich ihr Gehirn immer mehr in ihrer Gedankenwelt verlor. Sie beobachtete die Menschen, die neben ihrem Fenster am Bahnsteig entlang gingen. „Warum hast du dich selbst so verraten?“, schoss es ihr durch den Kopf. Hat sie das? Kann es sein, dass sie ihre wichtigste Regel gebrochen hatte? Sich nie für einen Mann zu ändern?

Das hatte sie. Ja, Regeln sind meist da um sie zu brechen, doch diese war gewiss nicht eine davon. Sie starrte auf ihre Stiefel und fing an zu weinen. Was hatten ihr diese scheiß Stiefel schon gebracht, außer ihre Füße mit Blasen zu schmücken und ihre vermeintliche Liebe ihres Lebens zu verlieren. „Absolut gar nichts“, flüsterte ihr Gewissen zurück. Der Zug fuhr los und ihre Tränen kullerten ihre Wangen herab. Ihre Haut brannte und das erste Mal seit langer Zeit war es ein Gefühl, dass sie als echt empfand. Kein Fake, keine Lügen, das war sie. Verheult im Zug.

Sie dachte an ihr erstes Treffen mit ihm zurück, als sie in Airmax, zerrissenen Jeans und Lederjacke auf ihn wartete. Da war sie noch sie selbst und absolut sicher ihn auch mit flachen Schuhen und ihrer Persönlichkeit beeindrucken zu können. Es hat ja auch geklappt, doch irgendwann zwischen den tausend Diskussionen und schlaflosen Nächten hatte sie sich selbst verloren. Sie wollte es unbedingt retten. Diese Sache mit ihm, was auch immer es war. Doch er hatte sich nie bemüht sie zu halten. Jedes Mal, wenn sie ging, kam sie schlussendlich selbst zu ihm zurück – ohne, dass er auch nur mit der Wimper zucken musste. Er hatte sie nie geschätzt, sich nie gefreut, ihr nie gezeigt, dass er sie genauso will wie sie ihn. Sie sah ihr verheultes Gesicht in der Fensterscheibe des Zuges und aus Trauer wurde Wut. „Scheiß auf ihn“, sagte sie zu ihrem Gewissen, während sie sich ihre nassen Tränen aus dem Gesicht wischte und ihre Mascara sich quer über ihre Wangen verschmierte.

Sie war sich sicher: Das nächste Mal würde sie in Airmax vor ihm stehen und verdammt gut darin aussehen.

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