ShortStory: Motorgeflüster

Februar. 23 Uhr. Zwei Personen in einem Wagen. Eine Sie und ein Er. Der Motor wurde abgestellt und im Wind rascheln leise die kahlen Äste der Bäume. Sie weint, Er schweigt.

Ich kann das nicht mehr“, sagt Sie. „Ich ertrag‘ deine Art nicht mehr. Dieses endlose von dir wegschieben. Du willst mich nicht mehr.“ Er schweigt immer noch und sieht aus der Fensterscheibe seines Autos. Er betrachtet den Vollmond und die sternenlose Nacht, während ihr Schluchzen die Stille füllt.

Sie sagt ihm, dass Er ihr weh tut, dass die letzten Monate umsonst waren. Liebe ist nicht einfach, das wusste Sie schon immer. Besonders, wenn die Schmetterlinge im Bauch sich in schwere Steine verwandeln, die einen immer weiter in den Abgrund ziehen. Wenn jedes Wort, welches man spricht auf eine Waage gelegt wird und man doch eher mit einer Wand, anstatt einer Person spricht – dann tut Liebe erst richtig weh. Sie wusste es. Sie wusste es die ganze beschissene Zeit über, aber Sie ließ ihn nie deswegen los. Ihre Tränen laufen immer schneller über ihre Wangen. Alle Dämme sind aufgebrochen. Alle verborgenen Emotionen, Aggressionen, Enttäuschungen, es lodert wie ein Feuer in ihr auf, doch bricht an der Oberfläche in Form von salzigen Wasser aus.

Das Schlimmste ist, dass ich weiß, dass du mich gehen lässt. Ich werde aus diesem Auto steigen. Ich werde bis zu meiner Haustür gehen und du wirst mich gehen lassen“, sagt Sie und tupft ihre nassen Augen ab. Sie ist müde, kraftlos, einfach leer. Sein Schweigen bringt Sie innerlich um, doch Er kann nichts darauf sagen.

Was soll Er auch sagen? Dass Er ein Idiot ist? Dass Er weiß, dass Er Scheiße gebaut hat, doch unfähig ist Sie zu trösten? Er will Sie ja glücklich machen, doch wie soll das funktionieren, wenn Er selbst nicht glücklich ist? Er sieht Sie an und wendet den Blick wieder ab. Er kann Sie einfach nicht so sehen – gebrochen und verzweifelt.

Wäre Er ein toller Kerl, würde Er seinen Arm um Sie legen – doch das tut er nicht. Er weiß, dass Er kein toller Kerl ist. Er weiß, dass er nicht mal ansatzweise der Kerl sein kann, der Sie auf Händen trägt. Ihr dauernd Komplimente macht oder Sie nicht als selbstverständlich sieht. Er ist der Klotz an ihrem Bein, der Sie davon abhält Liebe zu finden.

Sie hat aufgehört zu weinen. Ihre Wangen sind übersät von eingetrockneten Salzwassertropfen und verschmierter Mascara. „Ich geh‘ jetzt“, sagt Sie und öffnet die Beifahrertür. Sie dreht sich nicht mehr zu ihm, Sie will nicht noch mehr Demütigung erleiden. Sie schlägt die Autotür hinter sich zu und setzt einen Schritt vor den anderen. Langsam. Innerlich wartet Sie noch auf ihn, Sie hofft, dass Er gleich aus dem Wagen springt. In ihren Gedanken läuft Er ihr nach, sagt, dass er Sie liebt. „Ich kann dich nicht gehen lassen, niemals!“, schreit Er und küsst ihre kalten Lippen.

Genau so würde es sein. Dieses Happy End, welches Sie sich so sehr wünscht. Sie geht, Schritt für Schritt, immer weiter Richtung Haustür. „Lass mich nicht gehen,“ denkt Sie sich und füllt ihre Augen erneut mit Tränen.

Er startet den Motor.

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